Ein Heim für drogensüchtige Mütter

Immer mehr Frauen mit kleinen Kindern haben Problem mit Crystal. Doch was passiert, wenn sie rückfällig werden?
04.09.2015 Von Christoph Scharf
Seit Jahren steht das Eckgebäude an der Ossietzkystraße leer. Nun lässt die Seeg das Haus vorrichten – für eine Eltern - Kind - Wohngruppe für Leute mit Drogenproblemen.
© C. Hübschmann

Meißen. Eine Mutter stirbt an einer Überdosis Drogen. Ihr zweijähriger Sohn verdurstet qualvoll – direkt neben ihr. Der Fall von Leipzig soll sich nie wiederholen. Und deshalb schauen die Jugendämter ganz genau hin, wenn junge Eltern ein Drogenproblem haben und etwa schon im Blut von Neugeborenen Crystal-Rückstände gefunden werden. Für Betroffene entsteht jetzt im Triebischtal eine Eltern-Kind-Wohngruppe, in der alleinerziehende Mütter einziehen, die drogensüchtig sind. „Der Bedarf dafür in Meißen steigt“, sagt Ulrich Kuschnik, Geschäftsführer der Sozialinitiative Kuschnik. Das Unternehmen wird das Haus in der Leschnerstraße betreiben, das acht bis neun Frauen plus Kindern eine WG-artige, aber betreute Wohnung sichern soll.

Bloß keine Wohnung im Erdgeschoss
Noch sieht das Gebäude ziemlich trist aus. Aber das wird sich bald ändern. Der Eigentümer, die städtische Wohnungsgesellschaft Seeg, wird das Mehrfamilienhaus an der Ecke zur Ossietzkystraße in den nächsten Monaten herrichten lassen. Im ersten Halbjahr 2016 hofft die Sozialinitiative, einziehen zu können. Schon jetzt betreibt sie in Meißen eine Eltern-Kind-Wohngruppe: In einer Wohnung am Neumarkt haben vier junge Frauen Platz gefunden.
„Die Bedingungen dort sind nicht ideal. Aber wegen des dringenden Bedarfs mussten wir zunächst mit dem Neumarkt vorlieb nehmen“, sagt der Sozialarbeiter. Der Neumarkt ist aus zwei Gründen ungünstig: Einerseits liegt die Wohnung im Erdgeschoss – was es den Drogensüchtigen leichtmacht, durchs Fenster Kontakt zu potenziellen Drogenlieferanten auf dem Gehweg aufzunehmen. Das zweite Problem am Neumarkt ist, dass dort kein eigenes Grundstück mit zur Wohngruppe gehört. Im Triebischtal dagegen zählt ein Hof mit zum Haus. Der ist zwar nur einige Quadratmeter groß, bietet aber Platz, dass die jungen Mütter mit ihren Kindern wenigstens ungestört draußen sitzen können.
„Wir wollen dort eine kleine Spielecke anlegen, damit die Kinder klettern, rutschen und im Sandkasten spielen können“, sagt der Ulrich Kuschnik. Wichtig ist, dass für die Allerkleinsten etwas da ist: In der jetzigen Wohngruppe ist das älteste Kind anderthalb Jahre alt, das jüngste drei Monate. Für das Projekt bekam der Leiter jetzt Hilfe von unerwarteter Seite – die Rotarier der Clubs Meißen und Riesa/Elbland übergaben diese Woche einen Scheck über 1 750 Euro. „Die alarmierende Zunahme des Konsums von Crystal Meth und anderer Rauschmittel veranlasste uns, therapeutische Maßnahmen zu unterstützen“, sagt Johannes Bilz vom Rotary-Club Meißen, der sonst – wie die meisten Rotarier – vor allem weltweite Projekte wie den Kampf gegen Polio unterstützt. Das Geld stammt von einem Spargelessen mit fast einhundert Gästen auf dem Spargelhof Nauwalde bei Riesa. Teilnehmer zahlten zugunsten des Projekts etwas mehr. Eine Tombola mit Spargel und Proschwitzer Wein, mit Meissener Porzellan und weiteren Preisen stockte den Betrag auf. Mit Einzelspenden kam man schließlich auf 1 750 Euro für das Spielplatz-Projekt der Sozialinitiative, das den Rotariern vom Jugendamt empfohlen worden war.
Lebensmittel bezahlt das Jugendamt
Das neue Angebot soll helfen, den Betroffenen wieder zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wer vom Jugendamt in der Einrichtung untergebracht wird, hat allerdings noch einen weiten Weg vor sich: Idealerweise bleiben die Mütter mit den Kindern etwa ein Jahr in der Wohngruppe wohnen, bevor sie dann so weit sind, dass sie eine Drogentherapie antreten können. Um ihnen bis dahin zu helfen, ist rund um die Uhr ein Sozialarbeiter in der Wohngruppe vor Ort. „Der Betreuer kann sich um die Kinder kümmern, wenn die Mutter zur Entgiftung muss oder für ein paar Tage wegen eines Rückfalls die Orientierung verliert“, sagt Ulrich Kuschnik. Sonst müssten die Kinder in solchen Fällen immer gleich wieder aus dem vertrauten Umfeld raus und in eine Pflegefamilie gegeben werden.
Gleichzeitig soll die Betreuung helfen, wieder fit für das Leben im Alltag zu werden. So müssen die jungen Frauen –  alleinerziehende Männer kommen in diesem Umfeld höchst selten vor – auch lernen, selbst zu kochen und die Räumlichkeiten sauber zu halten. „Wir geben ihnen dabei Unterstützung, nehmen ihnen diese Tätigkeiten aber nicht ab“, sagt der 45-Jährige. Dafür wird im Erdgeschoss eine gemeinsame Küche und ein weiteres Spielzimmer angelegt. Die eigentlichen Wohnräume befinden sich in den drei Obergeschossen – so dass ein möglicher Drogenhandel durchs Fenster weitgehend unterbunden wird.

Viel Bargeld haben die Betroffenen ohnehin nicht in der Brieftasche: Unterkunft und Lebensmittel zahlt das Jugendamt – das läuft ganz ähnlich wie bei einer Heimunterbringung. Nur ein kleines Taschengeld geht an die Mütter – damit sie gar nicht in die Versuchung kommen, das nächste Gramm Crystal zu kaufen.

(ein Artikel der SZ)